In Gerd Antos and Heike Tietz (eds.), Die Zukunft der Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer, 1997, 1-12.

Textlinguistik: Zu Neuen Ufern?*

 

Robert de Beaugrande

 

In einigen Hinsichten sind meine Meinungen über die Entwicklung der Textlinguistik vielleicht nicht weit verbreitet und unterscheiden sich von den Ansichten Wolfgang Heinemanns,1 wie wir sie etwa in seinem gemeinsamen Buch mit dem allzu frühverstorbenen Dieter Viehweger aus dem Jahre 1991 ausgedrückt finden. Aber mein Einstieg in die Textlinguistik erfolgte ja durch ein ganz andere Perspektive, die nicht primär auf die Linguistik ausgerichtet war, sondern auf die Übersetzung, die Literaturwissenschaft und die Rezeptionsästhetik (vgl. Beaugrande 1978); dabei erschien mir die Textlinguistik einfach viel ergiebiger als die formale Systemlinguistik verschiedener Prägungen, so wie sie uns z.B. in Catfords (1965) sprödem Ebenen-Modell des Übersetzens begegnet.

Die Gegenüberstellung von Textlinguistik und Satzlinguistik, die von den 60er- und 70er- bis in die 80er-Jahre hineingetragen wurde (z.B. Petöfi [Hrsg.] 1979), erscheint in einer historischen Perspektive unbefriedigend. Ich vertrete vielmehr die Meinung, daß die Textlinguistik ursprünglich entstand, um gewisse Probleme besser zu behandeln, die bereits in der sogenannten Satzlinguistik aufgetreten waren, und erst später als bewußtes Gegenprogramm interpretiert wurde. Ich würde daher auf zwei andere grundsätzliche Gegenüberstellungen hinweisen als angemesser Hintergrund, vor dem der Stellenwert der Textlinguistik einzuschätzen is.

Die erste  Gegenüberstellung ist recht bekannt: von deskriptiver Linguistik und generativer Linguistik. Die frühe Textlinguistik war in beiden Lagern vertreten; in der deskriptiven Linguistik wurde der Text als die ‘nächste ranghöhere Einheit über dem Satz’ eingeführt und in der generativen Linguistik war der Text eine ‘wohlgeformte Folge von wohlgeformten Sätzen’. Diese beiden Richtungen hatten bisher wenig mit dem Text zu tun gehabt, jeweils aus ihren eigenen Gründen: in der deskriptiven Linguistik war der Satz beispielsweise von Bloomfield (1933) ausdrücklich als die ‘größte linguistische Einheit’ definiert worden; und in der generativen Grammatik war der Satz axiomatisiert worden. Die dortige Definition etwa einer Sprache als ‘eine unendliche Menge von Sätzen’ (Chomsky 1957) ließ es unersprießlich erscheinen, größere Einheiten zu behandeln.

Die zweite Gegenüberstellung, die wesentlich weniger betont worden ist, betrifft die Behandlung von sprachlichen Daten. Die frühen Phasen der Linguistik wurden entscheidend von der sogenannten fieldwork, der ‘Feldforschung’, geprägt, die meiner Meinung nach die wichtigsten und dauerhaftesten Ergebnisse der gesamten modernen Linguistik geliefert hat. In dieser Arbeit ist der Linguist in der schwierigen aber informativen Lage, mit der Sprache in der Praxis voll konfrontiert zu werden. So konnte es geschehen, daß selbst Linguisten, die eine abstrakte und formale Theorie von Sprache vertreten haben, wie wiederum Bloomfield (1933), in der Feldforschung sich genötigt sahen, eine dialektische Relation zwischen Theorie und Praxis aufrechtzuerhalten. Überdies ist der ‘feldforschende‘ Linguist stets gezwungen, seine Hypothesen zu überprüfen, indem er von der ‘reinen’ Theorie herabsteigt und sich an der kommunikativen Praxis in der Gemeinschaft beteiligt. Sind seine Hypothesen falsch, so stößt er bald auf Verwirrung, Unverständnis, oder Heiterkeit. So sind die Ergebnisse der Feldforschung reichlich überprüft worden, bevor sie weiteren Kreisen mitgeteilt werden.

Die andere Methode hat keinen offiziellen Namen und ich würde vorschlagen, sie als homework linguistics, also gewissermaßen als ‘Heimwerklinguistik’, zu bezeichnen. Wie der Name sagt, arbeiten die Linguisten zu Hause (oder im Büro) in einer von ihnen selbst zu bestimmenden Entfernung von der sprachlichen Praxis. Da entsteht bald die Gefahr, die kommunikative Praxis zu unterschätzen oder gar außer acht zu lassen, besonders dann, wenn die Linguisten auch die Rolle des ‘ideal native speaker’ und Sprecher-Hörer im Sinne von Chomsky (1965) einnehmen. Hier wird, wie wir es häufig in der formalen Linguistik erleben, die Theoriebildung leicht hypertroph, und pure Hypothesen werden unkritisch angenommen ohne ausreichende Überprüfung in der Praxis.

 Geschichtlich gesehen wäre eine solche Linguistik eine programmatische Abkoppelung der Theorie von der Praxis (Beaugrande 1996a, Im Erscheinen a). Das Vorbild dafür lieferte bereits die Saussures’che Linguistik dadurch, daß sie ‘langue’ und ‘parole’, oder Sprache und Rede, strikt abgrenzen wollte, um die Sprache als ‘abstraktes synchrones System’ außerhalb der Zeit und Geschichte zu beschreiben (Beaugrande, im Erscheinen b).

Die daraus erfolgende grundsätzliche Kluft zwischen Theorie und Praxis hat in den folgenden Jahrzehnten viele belastende Probleme aufgeworfen. Die Möglichkeit, diese abstrakte Sprache tatsächlich zu beschreiben, war lediglich angenommen. Es bestanden damals keine überzeugenden Beweise, daß dieses System in irgendeiner empirisch überprüfbaren Form existiert. Die Saussure’sche Linguistik hat sich daher die Aufgabe unfreiwillig gestellt, selber die ‘langue‘ zu konstruieren durch rein theoretisches bootstrapping.

Die Begriff der Sprache als System von Einheiten, die durch ihre Oppositionen zueinander im System genau dadurch eingeordnet sind, daß sie sich voneinander unterscheiden, hat in der Phonologie recht gute Erfolge gezeitigt. Dort gelang der Linguistik der große Durchbruch, ein abstraktes System aufzudecken, in dem die theoretischen Sprecheinheiten, die ‘Phoneme’, den praktischen Einheiten der Sprachlaute nachvollziehbar und überzeugend gegenüberstehen. Damit war die Relation von Theorie und Praxis zunächst befriedigend ausgeglichen.

Die Phoneme jedoch waren insofern untypische Spracheinheiten, als sie außergewöhnlich leicht in der Theorie und Praxis zu verankern waren, nämlich indem sie aufgrund des beteiligten Sprechapparates und der artikulatorischer Vorkommnisse definiert wurden. Bereits in der Morphologie war der Erfolg wesentlich bescheidener. Die theoretische Einheit ‘Morphem’ stand einer Mehrzahl von praktischen Einheiten gegenüber, zum Beispiel, Präfix, Suffix, Endung, Wortstamm, und Wort; und Morpheme im Sinne von ‘kleinsten bedeutungstragenden Einheiten der Sprache’ sind, im krassen Gegensatz zu den Phonemen, überaus zahlreich. So wurde der Kompromiß geschlossen, daß nicht der gesamte Wortschatz von der Morphologie erfaßt werden mußte; und die theoretischen Einheiten ‘Morpheme’ wurden in geschlossene oder zumindest kleine Klassen oder Kategorien eingewiesen. Der Wortschatz insgesamt wurde weitergereicht an die sogenannte Lexikologie, ein Bereich der Sprache, der in vielen linguistischen Programmen recht spärlich vertreten ist (vgl. Bolinger 1970), weil sie sich mit den gängigen Methoden der Linguistik am wenigsten behandeln läßt.

Bei der Syntax hingegen war die Lage grundsätzlich anders, denn dort war es gar nicht eindeutig einzusehen, welche theoretische Einheiten die Hauptrollen bekommen sollten, und die praktischen Einheiten zeigten eine verwirrende Diversität. So wurden vielfach Einheiten wie Phrase, Nebensatz, Hauptsatz und Satz mal als theoretische, mal als praktische Einheiten behandelt, was zu erheblichen Verwirrungen führen konnte. War es in der Phonologie und Morphologie grundsätzlich möglich, die Analyse dadurch zu vervollständigen, daß man die kleinsten systembedingten Einheiten durch Segmentierung isoliert hatte, so war es in der Syntax keineswegs einsichtig, wie die Analyse ablaufen sollte, und wann sie als abgeschlossen zu betrachten sei.

Die Relation zwischen theoretischen und praktischen Einheiten wird am allermeisten dadurch kompliziert, daß die Syntax durch die Beobachtung von Daten selbst lediglich die Muster feststellen kann — wie die verschiedenen Einheiten in der linearen Reihe eingeordnet sind; aber die Motivierung dieser Einordnung und die Prinzipien dieser Linearität waren nicht beobachtbar. So war es keineswegs überraschend, daß die Linguistik die Lösung gefunden hat, einen Bereich von ‘zugrundeliegenden Strukturen’ (‘underlying structures’) zu postulieren, die genau die Motivierung dieser linearen Anordnung erklärbar und unterscheidbar machen sollten. In dieser Phase war es noch nicht klar, daß recht viele formale Systeme aufgestellt werden können, die einige lineare Anordnungen erfassen, aber daß kein einziges formale System alle ‘wohlgeformten’ lineare Anordnungen und nur diese erfassen kann. Außerdem drohte die Aussicht, daß es eine ungeheure Menge von ‘rein formalen’ Kriterien und ‘Merkmale’ geben könnte, je nachdem, welche theoretischen und praktischen Einheiten postuliert wurden und wie ihre Beziehungen untereinander geregelt werden sollten.

Sie werden sich hier an eine berühmte weitere Gegenüberstellung erinnern: Oberflächenstruktur und Tiefenstruktur. So weit ich sehe, ist keine Einigung darüber erzielt worden, wie die Tiefenstruktur tatsächlich auszusehen habe, und wie sie mit der Oberflächenstruktur in irgendeiner einsichtigen oder konsequenten Weise zu verbinden sei.

Die Phonologie und Morphologie hatte die Linguistik früh dazu bewogen, die Sprache (‘langue’) als deterministisches System zu betrachte. Seitdem war die moderne Linguistik stets auf der Suche nach ‘Einschränkungen’ (‘constraints’), die ein solches System entsprechend determinieren. Diese sollten — wiederum nach dem Vorbild der Phonologie und der Morphologie — außerdem ‘rein linguistisch’ sein. In der Phonologie sind die Einschränkungen durch das Differenzierungspotential der Phoneme und ihr artikulatorisches Definiertsein klar gegeben. In der Morphologie wurden die am besten einschränkbaren Gruppen von Morphemen am besten erfaßt, und die großen offenen Gruppen, z.B., Wortstämme von Nomina und Verben, in die Lexikologie weiterverwiesen. Aber in der Syntax wurde die beharrliche Suche nach ‘rein linguistischen’ Einschränkungen zum schweren Verhängnis. Daher scheint dort der Streit um die Natur und das Potential von Einschränkungen prinzipiell inkonklusiv. Die verschiedenen linguistischen Theorien setzen riesige Apparate von hypothetischen Einschränkungen in die Welt, während die praktischen Einschränkungen der realen Kommunikation vernachlässigt werden in der (wohl richtigen) Vermutung, daß sie keinesfalls alle ‘rein linguistisch’ sind. Daher sind sie auch nicht alle ‘rein syntaktisch’, zumindest nicht so wie der Terminus ‘syntaktisch’ in der formalen Linguistik offiziell aufgefaßt wurde. So gesehen waren die Ansprüche an eine ‘Theorie der Syntax’ schlicht unerfüllbar, weil diese Syntax für sich allein nicht aufrecht stehen kann: die Einschränkungen, die nötig sind, um den Satzbau zu erklären, können von der ‘Syntax’ als alleinstehender formaler Ebene nicht geliefert werden. Die Syntax muß als Interaktion mehrere Ebenen betrachtet werden, so wie in der funktionalen Linguistik und besonders bei der Prager Schule (Beaugrande 1994, Im Erscheinen b).

Die formale Linguistik hat einen anderen Ausweg gesucht, indem sie sich der Semantik zuwandte, die bisher eher in der Philosophie beheimatet gewesen war, und ihr eine offizielle ‘Komponente’ zudachte. Ironischerweise wurde dieser Schritt mit einem unproduktiven Vorbehalt vollzogen: die Semantik sollte die bisherige ‘Formalität’ der Syntax vollends aufrechterhalten. Hatte man seit der Antike eingeräumt, daß Bedeutung und Form sich diametral gegenüberstehen, so galt es nun, Bedeutung als Form zu behandeln. Diese paradoxe Aufgabe mag teilweise erklären, warum die Semantik in der ‘Standardtheorie’ weitgehend von der Anordnungsarbeit ausgeschlossen und in eine passive ‘interpretative’ Rolle hineingedrängt wurde als eine formale Operation, die an bereits angeordneten Sätzen und nach formalen ‘Regeln’ und ‘Merkmalen’ vollzogen wird.

Ein wenig später ereilte die Pragmatik (mutatis mutandis) ein ähnliches Schicksal, indem auch ihr Einlaß in die offizielle Linguistik unter dem Vorbehalt der ‘Formalität’ gewährt wurde. So entstand eine weitere Galerie von formalen ‘Regeln’, die die ‘pragmatische Interpretation’ begleiten sollten. Außerdem wurden ‘Sprechakte’ als ideale Einheiten eingeführt, deren Relation mit den praktischen Einheiten der Kommunikation ungeklärt geblieben ist (Schegloff 1992).

Die Öffnung der Linguistik gegenüber Semantik und Pragmatik kam ungefähr zur selben Zeit wie die ersten Bewegungen in Richtung ‘Textlinguistik’; und ich vermute (ich war nicht dabei und war also kein ‘Widerstandskämpfer der ersten Stunde’), daß man auch dort hauptsächlich bestrebt war, weitere ‘Einschränkungen’ innerhalb von Satzsequenzen aufzudecken. In dieser Phase wurde vielfach angenommen, die Textlinguistik — oft schlicht mit ‘Textgrammatik’ gleichgesetzt — habe sich dadurch zu rechtfertigen, daß sie formale Einschränkungen nachweise, die nur innerhalb von Satzsequenzen und nicht innerhalb des einzelnen Satzes liegen. Diese spröde Aufgabe sollte wohl die Textlinguistik mit demselben Vorbehalt der ‘Formalität’ belegen wie die Semantik und die Pragmatik; dafür aber wurden die wirklich wesentlichen Einschränkungen der ‘Textualität’ in weitesten Sinne am Rande belassen.

Die meisten frühen Textlinguisten dürften kaum geahnt haben können, wie weit die Beschäftigung mit Texten die theoretische und praktische Landschaft der Linguistik verändern würde. Am ehesten wird es Peter Hartmann verstanden haben. Es war kein Zufall, daß Hartmann kein ‘Linguist’ in dem engen Sinne war, sondern ein ‘Sprachwissenschaftler’ mit einer denkbar breiten Ausbildung, die er an der (für ihn vielsagend benamsten) Humboldt-Universität in Berlin begonnen hatte. So umschloß er in seinen grundsatzlegenden Betrachtungen nicht nur die verschiedensten Strömungen der Linguistik, sondern auch die Sprachphilosophie der Antike, des Mittelalters und der Moderne, sowie die frühe Zeichenlehre, die eigentliche Semiotik und die Poetik. In seiner Studie über Syntax und Bedeutung (1964), dessen Titel die meisten Linguisten etwas wesentlich Engeres erwarten ließe, behandelte er sogar die ‘Kombinatorik’ der Mathematik, der Geometrie, der Musik und der Malerei.

Ich sollte hier vielleicht nicht unerwähnt lassen, daß die tiefere Problematik einer Wissenschaft von der Sprache mir erst durch Hartmann verständlich wurde, und zwar aus den beiden Büchern Theorie der Grammatik (1963a) und Theorie der Sprachwissenschaft (1963b); und ich betrachte ihn auch als meinen eigentlichen Lehrer, obwohl ich ihn nur durch persönliche Kontakte gekannt habe.

Es dürfte daher ebenfalls kein Zufall sein, daß die ersten großen Schritte in einer selbstbewußten ‘Textlinguistik’ in deutschen Sprachraum oft Dissertationen waren, die unter Hartmanns Leitung entstanden waren. Ich denke zum Beispiel an die Arbeiten von Roland Harweg (1968), Siegfried J. Schmidt (1968), Walter A. Koch (1971), und Götz Wienold (1971).

Hartmann hatte sich jedenfalls meines Erachtens nicht angeschickt, eine Textlinguistik zu entwickeln, die die bisherige Linguistik lediglich fortführen oder ihr mit einigen ‘Einschränkungen’ innerhalb von ‘Satzsequenzen’ aushelfen sollte. Es ging ihm vielmehr darum, den Text als theoretische und praktische Einheit semiotisch, philosophisch, phänomenologisch, aber auch linguistisch zu ergründen; und er fügte dazu ein komplexes Theoriegebäude zusammen, in dem viele Aspekte von Texten untergebracht werden konnten, die bisher weder in der deskriptiven noch in der generativen Linguistik ein richtiges Zuhause gehabt hatten.

Insgesamt würde ich die später ‘flächendeckenden’ Auswirkungen der Textlinguistik darauf zurückführen, daß sie ganz andere Klassen von Einschränkungen zur Verfügung stellte und damit eine willkommene Gelegenheit bot, die Kluft zwischen Theorie und Praxis, die in der generativen ‘homework linguistics’ einen Gipfel erreicht hatte, durch eine echte Dialektik zwischen virtuellem System und aktuellem System zu ersetzen, so wie ich sie zuerst bei Hartmann (1963a) vorfand (englische Zusammenfassung in Beaugrande 1991).

Dieser Schritt hat viele Grundsatzprobleme neu aufgeworfen, die die frühere Linguistik durch ihre hypertrophe Theorienbildung vernachlässigt oder abgewiesen hatte. Die Textlinguistik befreite nun die Semantik und die Pragmatik aus ihren formal-interpretativen Zwangsjacke und schickte sich an, die Ergebnisse ganz verschiedener Forschungsrichtungen aufzunehmen, wie etwa die funktionale Satzperspektive der Prager Schule (z.B. Dane , Firbas), die sowjetische Handlungstheorie (z.B. Leon'tev, Lurija), die britische Systemtheorie (z.B. Halliday und Hasan), die kognitive Psychologie (z.B. Kintsch, Rumelhart), und die künstliche Intelligenz (z.B. Schank, Woods). Diese vielgefächerte Situation versuchten Dressler und ich, soweit ich sehe als die ersten, in der gemeinsamen Einführung (1981) zu umfassen, die über die Jahre auf Englisch, Deutsch, Japanisch, Italienisch, Arabisch, Koreanisch, Slowenisch, Bulgarisch, und Spanisch (in dieser Reihenfolge) erschienen ist.

Eine ähnliche Breite begegnet uns wieder in der Einführung von Heinemann und Viehweger (1991), aber mit etwas anderen Konsequenzen. Zu Recht verweisen die Verfasser auf ein ‘beträchtliches Theoriedefizit’ in der Textlinguistik und auf den Bedarf nach einem ‘Fundament dieser Disziplin’ (1991: 275). Ich habe nun ein potentielles Fundament vorgelegt (Beaugrande 1996a), aber nicht ein solches, wie den Verfassern vorzuschweben schien. Vor allem halte ich die Ansicht, wonach ‘die Grammatik relativ unabhängig von den anderen kognitiven Systemen zugänglich und modellierbar’ sei (1991: 276), für einen unproduktiven Überrest des formalistischen Denkens, das die modern Linguistik auf eine — insgesamt beurteilt — erfolglose Suche nach ‘rein linguistischen’ und ‘formalen’ Einschränkungen losgesandt hatte, die dann von Linguisten selber am grünen Tisch arbiträr erfunden werden müßten. Deswegen wurden die Versuche, eine formale Textgrammatik zu erstellen, weitgehend aufgegeben; man denke etwa an das ambitionierte Forschungsprojekt an der Universität Konstanz in den frühen 70er Jahren, welches so unbefriedigend ausfiel, daß man auf einen Abschlußbericht gänzlich verzichtete.

Es gilt m.E. vielmehr, die Grammatik auf eine dreifache linguistische, kognitive und soziale Basis zu stellen, und durch empirische Erhebungen an einem sehr großen Datenkorpus wie der ‘Bank of English’ an der Birmingham University festzustellen, wie formal oder funktional unsere nächste Generation von Theorien sein sollte (Beaugrande 1994, 1996a, 1996b), wobei meine Losung wäre: so funktional wie möglich und so formal wie nötig. Ein solche Grammatik nach dem funktionalen Modell von Halliday habe ich in meinem neuen Band über ‘Fundamente’ ebenfalls vorgelegt (Beaugrande 1996a).

Wenn wir zurückblicken auf die moderne Linguistik, so ist es ganz verständlich, daß sie eine Wissenschaft sein wollte, die nur ‘Sprache an sich’ ergründen sollte. In den frühen Jahren fürchtete sie mit Recht, von den Nachbarwissenschaft vereinnahmt zu werden, etwa vo­­­­r der Soziologie, Psychologie, Anthropologie, Philosophie oder Literaturwissenschaft; und die begeisterte aber leichtgläubige Akzeptanz der Saussure’schen Dichotomisierung ist am einfachsten durch den Wunsch der Linguisten zu erklären, sich in einer eigenständigen Wissenschaft zu behaupten. Meines Erachtens hat es sich aber inzwischen eindeutig gezeigt, daß eine Linguistik, die nur innerhalb der ‘Sprache’ bleiben will und nur ‘rein linguistische’ Einschränkungen anerkennt, für die eigentlichen Zwecke der Beschreibung und Erklärung früher oder später in eine Wechselbeziehung gerät, und zwar in eine Gewinn-Verlust-Beziehung: je mehr die Linguistik die Sprache abtrennt von dem Weltwissen der Sprecher und der Gesellschaft, in der sie leben, umso weniger sind signifikante und relevante Fortschritte in der Beschreibung und Erklärung zu erzielen — auch von ‘rein linguistischen’ Tatsachen.

Dieses Argument möchte ich anhand der Frage erläutern, was für eine Einheit der Text sie und wo er im Bezug auf die anderen sprachlichen Einheiten einzuordnen sei. In der Zeit der frühen Textlinguistik machte sich die deskriptive Linguistik die kleinsten Probleme, indem sie (wie schon gesagt) den Text schlicht als eine weitere ‘ranghöhere Einheit’ einführte, so zum Beispiel wenn Klaus Heger ihn als vierte Einheit in eine Neuauflage seines Buches aufgenommen hat: aus Monem, Wort und Satz (1971) wurde sodann Monem, Wort, Satz und Text (1976). Ich habe aber mehrmals die Ansicht vertreten, daß diese Theoriebildung, welche die Sprache als eine Reihe von ‘levels’ oder ‘Sprachebenen’ erfaßbar machen wolle, viel problematischer war und ist als bisher allgemein anerkannt worden ist (Beaugrande 1994).

Die Ebenen sind zumeist unabhängig voneinander behandelt worden — und um die Mitte dieses Jahrhunderts wurde die absolute Trennung der Ebenen von einigen amerikanischen Linguisten gefordert, sowie auch der Ausschluß der Bedeutung. Beide Forderungen blieben unerfüllt, aber viele Linguisten haben es sich zur Gewohnheit gemacht, unter den Ebenen eine mentale ‘Gangschaltung’ zu betreiben, etwa wenn sie von Phonologie auf Syntax umdenken, und damit der peinlichen Frage auszuweichen, wie denn diese ganzen Ebenen in der Produktion und Rezeption von authentischen Texten miteinander zusammenarbeiten. In dem formalen Modell seit Bloomfield (1933), sind die theoretischen Einheiten untereinander angeordnet in einem Verhältnis Teil-Ganzes. Daher sind, laut Bloomfield, die Phoneme Teile der Morpheme, die Morpheme Teile der Lexeme, die Lexeme Teile der Syntagmeme. Diese theoretischen Einheiten stehen überdies in einer relativ einsichtigen Beziehung zu den praktischen Einheiten, und zwar:

Phonem <==>  Laut;  Morphem <==> Wortteil; Lexem <==> Wort; und Syntagmem <==> Phrase. Die Frage nach der Zusammenarbeit der Ebenen scheint einfach: wenn man ein Ganzes sucht, auswählt und verarbeitet, so werden die Teile automatisch miterfaßt. Aber das kann praktisch gar nicht funktionieren, insofern als die Einheiten jeweils nach ganz unterschiedlichen Kriterien definiert werden.

In einer funktionalen Einrahmung des Bloomfield’schen Schemas ist die entscheidende Relation nicht mehr Teil zum Ganzen, sondern Mittel zum Zweck. Die Einheiten auf den Ebenen wo sie normalerweise aber nicht obligatorisch kleiner sind, sind die Mittel, und die Einheiten auf den Ebenen wo sie normalerweise aber nicht obligatorisch größer sind, sind der Zweck. Somit  liefern die Phoneme die Mittel, damit wir Morpheme haben, die Morpheme liefern die Mittel, damit wir Lexeme haben, und die Lexeme liefern die Mittel, damit wir die Syntagmeme haben.

Hier kann die Bedeutung auch explizit einbezogen werden: alle Formen sind gleichzeitig Mittel zum Zweck der jeweiligen Bedeutungen. Die Bedeutungen auf der rechten Seite sind der Zweck und die Formen auf der linken Seite sind die Mittel, also: die Phoneme sind die Mittel für die Bedeutungen der Phoneme, die Morpheme sind die Mittel für die Bedeutungen der Morpheme, die Lexeme sind die Mittel für die Bedeutungen der Lexeme, und schließlich sind Syntagmeme die Mittel für die Bedeutung der Syntagmeme. Auf rechten Seite haben wir nochmals eine Mittel-Zweck Relation. Die Bedeutungsdifferezenen der Phoneme sind einige Mittel (unter anderen) zum Zweck, daß die Morpheme Bedeutungen haben; die Bedeutungen der Morpheme sind einige Mittel (unter anderen) zum Zweck, daß die Lexeme Bedeutungen haben; und die Bedeutungen der Lexeme sind einige Mittel (unter anderen) zum Zwecke, daß die Syntagmeme Bedeutung haben.

Nun kann versucht werden, die verschiedenen Behandlungen der Bedeutungen operational zu präzisieren. Phoneme haben die Funktion im System, durch Laute Bedeutungen zu differenzieren. Morpheme haben die Funktion, durch Wortteile Bedeutungen zu grammatikalisieren.  Lexeme haben die Funktion, durch Wörter Bedeutungen zu lexikalisieren.  Syntagmeme haben die Funktion, durch Phrasen und Sätze Bedeutungen zu linearisieren. Texte haben die Funktion, durch KoTexte Bedeutungen zu integrieren. Textsorten schließlich haben die Funktion, durch Textmuster Bedeutungen zu schematisieren. In diesem Schema haben wir es nicht mehr primär mit formalen Einheiten zu tun, sondern mit funktionalen Verarbeitungsmodalitäten, die über eine evolutionäre Skala zwischen ‘sparsameren’ und ‘reicheren’ Bedeutungen (wie die Abbildung ebenfalls zeigt) verlaufen. So können wir nunmehr den Text und sogar die Textsorte einordnen, die keine etablierte Einheiten im konventionellen Ebenenschema waren. Das Schema reflektiert die neuen Ergebnisse in solchen Bereichen wie Kognitionswissenschaft, Komplexitätstheorie, und künstlicher Intelligenz, welche zeigen, daß Bedeutungen on-line produziert werden und eine ‘Selbst-Organisation’ erfahren und nicht einfach abgerufen werden wie Einträge aus einem Lexikon; für die Einzelheiten und Begründungen muß ich erneut auf mein gerade erscheinendes Buch verweisen.

Allerdings hat mich diese Suche nach den ‘Fundamenten’ zu einer weiteren Konsequenz gebracht, die Heinemann und Viehweger (1991: 17) explizit ablehnen mit der Feststellung: ‘die Textlinguistik kann nicht als Superwissenschaft verstanden werden, wohl auch nicht als Textwissenschaft’; ‘vielmehr muß sich die Textlinguistik auf die Erforschung von Textstrukturen und Textformulierungen beschränken, jeweils in ihrer Einbettung in kommunikative, allgemein soziologische, und psychologische Zusammenhänge’.

Ich bin hingegen der Überzeugung, daß der produktiven Terminus nunmehr nicht ‘Textlinguistik’ sondern ‘Textwissenschaft’ sein muß. Zu viele der wichtigsten Fragen — auch bezüglich der Textstrukturen und Textformulierungen — sind nicht nur ‘linguistisch’ in dem Sinne, wie dieser Terminus allgemein ausgelegt wird. Forscher mit einer Ausbildung in der Textlinguistik sollen sich in Zukunft prinzipiell eher als Textexperten und Mitarbeiter in einer breiten ‘Transdisziplin’ verstehen, wo solche Fragen mehrdimensional untersucht und beantwortet werden, und wo die Arbeitsteilung nicht von vornherein durch konventionelle Vorstellungen und Abgrenzungen des ‘linguistischen’ bestimmt wird. Stattdessen soll es hinfort eine empirisch zu entscheidende Angelegenheit sein, inwieweit eine bestimmte Frage oder ein Phänomen als linguistisch gelten soll oder kognitiv oder sozial in sachlich angemessenen Proportionen.

In dieser Textwissenschaft werden in der Beschreibung und der Erklärung immer drei Faktoren aufscheinen müssen, d.h. eine linguistische Sichtweise, eine kognitive Sichtweise, und eine soziale Sichtweise; und diese werden sich nicht unbedingt mit der etablierten Sichtweise der jeweiligen Linguistik, Psychologie und Soziologie decken, sondern auch eine ‘Ko-Evolution’ durchmachen, während die Textwissenschaft sich weiterentwickelt, vor allem durch die erneuerte Dialektik von Theorie und Praxis. So entsteht nicht nur eine ‘Interdisziplinärität’ zusammengetragen aus verschiedenen Disziplinen, sondern einer Transdisziplinarität, die grundsätzlich von Anfang an konzipiert ist mit einer integrierten Sichtweise aus verschiedenen Wissenschaften.

Im November 1994 fand der erste Weltkongreß der Transdisziplinarität in Portugal statt unter Beteiligung von vielen Wissenschaftlern und Künstlern und ich war tief beeindruckt von der Bereitschaft der Menschen, sich in einem wahrhaft ökologischen Projekt zusammenzuschließen, wo sich die Wissenschaften und auch die Künste auf ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen und Möglichkeiten in einer schwierigen Zeit besinnen.

Diese Aussichten bringen mich zurück zu meinem Titel mit dem Faust-Zitat. Die hier geschilderten Erwägungen lassen vermuten, daß die Textlinguistik nolens volens ‘zu neuen Ufern’ aufbricht, wo wir Landschaften betreten werden, für die wir noch keine genaueren Landkarten haben. Dabei ist es umso wichtiger, uns auch auf unsere eigene Herkunft zu besinnen, und Bahnbrechern wie Wolfgang Heinemann zu danken.

 

Literatur

 

Beaugrande, R. de (1978): Factors in a Theory of Poetic Translating. Assen: van Gorcum, and Amsterdam: Rodopi.

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Beaugrande, R. de (1996a): New Foundations for a Science of Text and Discourse. Norwood: Ablex.

Beaugrande, R. de (1996b): The ‘pragmatics’ of doing language science: The ‘warrant’ for large-corpus linguistics. In: Journal of Pragmatics  25, 503-535.

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Schmidt, S.J. (1968): Bedeutung und Begriff. Braunschweig: Vieweg.       

Wienold, G. (1972): Formulierungstheorie. Frankfurt: Athenäum. 



* Diese Beitrag entstand zuerst als Konferenzvideo, welches nicht gezeigt werden konnte, weil es in der Express-Post unerklärlich verschwand. Ich danke Andrea Heildborgh herzlich dafür, vom soundtrack eine schriftliche Vorlage angefertigt zu haben, die als Grundlage für diese Endfassung gedient hat, und Prof. Dr. Barbara Seidlhofer für ihre genauen Kommentare und Vorschläge.

1 Es sind fast genau zehn Jahre her, seit ich zum ersten Mal Gelegenheit hatte, an der Karl-Marx Universität Leipzig vorzutragen und Wolfgang Heinemann persönlich zu begegnen sowie eine recht ergiebige Reihen von Diskussionen anzufangen, die ich später als Karl-Brugman-Gastprofessor in Leipzig über ein ganzes Semester fortführen konnte.