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Die zehnte Elegie
X 1 Daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
X 2 Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.
X 3 Daß von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens
X 4 keiner versage an weichen, zweifelnden oder
X 5 reißenden Saiten. Daß mich mein strömendes Antlitz
X 6 glänzender mache; daß das unscheinbare Weinen
X 7 blühe. O wie werdet ihr dann, Nächte, mir lieb sein,
X 8 gehärmte. Daß ich euch knieender nicht, untröstliche Schwestern,
X 9 hinnahm, nicht in euer gelöstes
X 10 Haar mich gelöster ergab. Wir, Vergeuder der Schmerzen.
X 11 Wie wir sie absehn voraus, in die traurige Dauer,
X 12 ob sie nicht enden vielleicht. Sie aber sind ja
X 13 unser winterwähriges Laub, unser dunkeles Sinngrün,
X 14 eine der Zeiten des heimlichen Jahre --, nicht nur
X 15 Zeit --, sind Stelle, Siedelung, Lager, Boden, Wohnort.
X 16 Freilich, wehe, wie fremd sind die Gassen der Leid-Stadt,
X 17 wo in der falschen, aus Übertönung gemachten
X 18 Stille, stark, aus der Gußform des Leeren der Ausguß
X 19 prahlt: der vergoldete Lärm, das platzende Denkmal.
X 20 O, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt,
X 21 den die Kirche begrenzt, ihre fertig gekaufte:
X 22 reinlich und zu und enttäuscht wie ein Postamt am Sonntag.
X 23 Draußen aber kräuseln sich immer die Ränder von Jahrmarkt. =
X 24 Schaukeln der Freiheit! Taucher und Gaukler des Eifers!
X 25 Und des behübschten Glücks figürliche Schießstatt,
X 26 wo es zappelt von Ziel und sich blechern benimmt,
X 27 wenn ein Geschickterer trifft. Von Beifall zu Zufall
X 28 taumelt er weiter; denn Buden jeglicher Neugier
X 29 werben, trommeln und plärrn. Für Erwachsene aber
X 30 ist noch besonders zu sehn, wie das Geld sich vermehrt, anatomisch,
X 31 nicht zur Belustigung nur: der Geschlechtsteil des Gelds,
X 32 alles, das Ganze, der Vorgang --, das unterrichtet und macht
X 33 fruchtbar .........
X 34 .... Oh aber gleich darüber hinaus,
X 35 hinter der letzten Planke, beklebt mit Plakaten des >Todlos<,
X 36 jenes bitteren Biers, das den Trinkenden süß scheint,
X 37 wenn sie immer dazu frische Zerstreuungen kaun....,
X 38 gleich im Rücken der Planke, gleich dahinter, ists wirklich.
X 39 Kinder spielen, und Liebende halten einander, -- abseits,
X 40 ernst, im ärmlichen Gras, und Hunde haben Natur.
X 41 Weiter noch zieht es den Jüngling; vielleicht, daß er eine junge
X 42 Klage liebt. Hinter ihr her kommt er in Wiesen. Sie sagt:
X 43 -- Weit. Wir wohnen dort draußen.... Wo? Und der Jüngling
X 44 folgt. Ihn rührt ihre Haltung. Die Schulter, der Hals --, vielleicht
X 45 ist sie von herrlicher Herkunft. Aber er läßt sie, kehrt um,
X 46 wendet sich, winkt... Was solls? Sie ist eine Klage.
X 47 Nur die jungen Toten, im ersten Zustand
X 48 zeitlosen Gleichmuts, dem der Entwöhnung,
X 49 folgen ihr liebend. Mädchen
X 50 wartet sie ab und befreundet sie. Zeigt ihnen leise,
X 51 was sie an sich hat. Perlen des Leids und die feinen
X 52 Schleier der Duldung. -- Mit Jünglingen geht sie
X 53 schweigend.
X 54 Aber dort, wo sie wohnen, im Tal, der Älteren eine, der Klagen,
X 55 nimmt sich des Jünglinges an, wenn er fragt; -- Wir waren,
X 56 sagt sie, ein großes Geschlecht, einmal, wir Klagen. Die Väter
X 57 trieben den Bergbau dort in dem großen Gebirg; bei Menschen
X 58 findest du manchmal ein Stück geschliffenes Ur-Leid
X 59 oder, aus altem Vulkan, schlackig versteinerten Zorn.
X 60 Ja, das stammte von dort. Einst waren wir reich.--
X 61 Und sie leitet ihn leicht durch die weite Landschaft der Klagen,
X 62 zeigt ihm die Säulen der Tempel oder die Trümmer
X 63 jener Burgen, von wo Klage-Fürsten das Land
X 64 einstens weise beherrscht. Zeigt ihm die hohen
X 65 Tränenbäume und Felder blühender Wehmut,
X 66 (Lebendige kennen sie nur als sanftes Blattwerk);
X 67 zeigt ihm die Tiere der Trauer, weidend, -- und manchmal
X 68 schreckt ein Vogel und zieht, flach ihnen fliegend durchs Aufschaun,
X 69 weithin das schriftliche Bild seines vereinsamten Schreis.
X 70 Abends führt sie ihn hin zu den Gräbern der Alten
X 71 aus dem Klage-Geschlecht, den Sibyllen und Warn-Herrn.
X 72 Naht aber Nacht, so wandeln sie leiser, und bald
X 73 mondets empor, das über Alles
X 74 wachende Grab-Mal. Brüderlich jenem am Nil,
X 75 der erhabene Sphinx --: der verschwiegenen Kammer Antlitz.
X 76 Und sie staunen dem krönlichen Haupt, das für immer,
X 77 schweigend, der Menschen Gesicht
X 78 auf die Waage der Sterne gelegt.
X 79 Nicht erfaßt es sein Blick, im Frühtod
X 80 schwindelnd. Aber ihr Schaun,
X 81 hinter dem Pschent-Rand hervor, scheucht es die Eule. Und sie,
X 82 streifend im langsamen Abstrich die Wange entlang,
X 83 jene der reifesten Rundung,
X 84 zeichnet weich in das neue
X 85 Totengehör, über ein doppelt
X 86 aufgeschlagenes Blatt, den unbeschreiblichen Umriß.
X 87 Und höher, die Sterne. Neue. Die Sterne des Leidlands.
X 88 Langsam nennt sie die Klage; -- Hier,
X 89 siehe: den Reiter, den Stab, und das vollere Sternbild
X 90 nennen sie: Fruchtkranz. Dann, weiter, dem Pol zu:
X 91 Wiege; Weg; Das Brennende Buch; Puppe; Fenster.
X 92 Aber im südlichen Himmel, rein wie im Innern
X 93 einer gesegneten Hand, das klar erglänzende >M<,
X 94 das die Mütter bedeutet ...... --
X 95 Doch der Tote muß fort, und schweigend bringt ihn die ältere
X 96 Klage bis an die Talschlucht,
X 97 wo es schimmert im Mondschein:
X 98 die Quelle der Freude. In Ehrfurcht
X 99 nennt sie sie, sagt; -- Bei den Menschen
X 100 ist sie ein tragender Strom. --
X 101 Stehn am Fuß des Gebirgs.
X 102 Und da umarmt sie ihn, weinend.
X 103 Einsam steigt er dahin, in die Berge des Ur-Leids.
X 104 Und nicht einmal sein Schritt klingt aus dem tonlosen Los.
* * *
X 105 Aber erweckten sie uns, die unendlich Toten, ein Gleichnis,
X 106 siehe, sie zeigten vielleicht auf die Kätzchen der leeren
X 107 Hasel, die hängenden, oder
X 108 meinten den Regen, der fallt auf dunkles Erdreich im Frühjahr. --
X 109 Und wir, die an steigendes Glück
X 110 denken, empfänden die Rührung,
X 111 die uns beinah bestürzt,
X 112 wenn ein Glückliches fällt.