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                  Die siebente Elegie  

   

VII    1     Werbung nicht mehr, nicht Werbung, entwachsene Stimme,

VII    2     sei deines Schreies Natur; zwar schrieest du rein wie der Vogel,

VII    3     wenn ihn die Jahreszeit aufhebt, die steigende, beinah vergessend,

VII    4     daß er ein kümmerndes Tier und nicht nur ein einzelnes Herz sei,

VII    5     das sie ins Heitere wirft, in die innigen Himmel. Wie er, so

VII    6     würbest du wohl, nicht minder --, daß, noch unsichtbar,

VII    7     dich die Freundin erführ, die stille, in der eine Antwort

VII    8     langsam erwacht und über dem Hören sich anwärmt, --

VII    9     deinem erkühnten Gefühl die erglühte Gefühlin. 

 

VII    10    O und der Frühling begriffe --, da ist keine Stelle, 

VII    11    die nicht trüge den Ton der Verkündigung. Erst jenen kleinen

VII    12    fragenden Auflaut, den, mit steigernder Stille,

VII    13    weithin umschweigt ein reiner bejahender Tag.

VII    14    Dann die Stufen hinan, Ruf-Stufen hinan, zum geträumten

VII    15    Tempel der Zukunft --; dann den Triller, Fontäne,

VII    16    die zu dem drängenden Strahl schon das Fallen zuvornimmt

VII    17    im versprechlichen Spiel.... Und vor sich, den Sommer. 

 

VII    18    Nicht nur die Morgen alle des Sommers --, nicht nur 

VII    19    wie sie sich wandeln in Tag und strahlen vor Anfang.

VII    20    Nicht nur die Tage, die zart sind um Blumen, und oben,

VII    21    um die gestalteten Bäume, stark und gewaltig.

VII    22    Nicht nur die Andacht dieser entfalteten Kräfte,

VII    23    nicht nur die Wege, nicht nur die Wiesen im Abend,

VII    24    nicht nur, nach spätem Gewitter, das atmende Klarsein,

VII    25    nicht nur der nahende Schlaf und ein Ahnen, abends...

VII    26    sondern die Nächte! Sondern die hohen, des Sommers,

VII    27    Nächte, sondern die Sterne, die Sterne der Erde.

VII    28    O einst tot sein und sie wissen unendlich,

VII    29   alle die Sterne: denn wie, wie, wie sie vergessen! 

 

VII    30    Siehe, da rief ich die Liebende. Aber nicht sie nur 

VII    31    käme... Es kämen aus schwächlichen Gräbern

VII    32    Mädchen und ständen... Denn, wie beschränk ich,

VII    33    wie, den gerufenen Ruf? Die Versunkenen suchen

VII    34    immer noch Erde. -- Ihr Kinder, ein hiesig

VII    35    einmal ergriffenes Ding gälte für viele.

VII    36    Glaubt nicht, Schicksal sei mehr, als das Dichte der Kindheit;

VII    37    wie überholtet ihr oft den Geliebten, atmend,

VII    38    atmend nach seligem Lauf, auf nichts zu, ins Freie. 

 

VII    39    Hiersein ist herrlich. Ihr wußtet es, Mädchen, ihr auch, 

VII    40    die ihr scheinbar entbehrtet, versankt --, ihr, in den ärgsten 

VII    41    Gassen der Städte, Schwärende, oder dem Abfall

VII    42    Offene. Denn eine Stunde war jeder, vielleicht nicht

VII    43    ganz eine Stunde, ein mit den Maßen der Zeit kaum

VII    44    Meßliches zwischen zwei Weilen --, da sie ein Dasein

VII    45    hatte. Alles. Die Adern voll Dasein.

VII    46    Nur, wir vergessen so leicht, was der lachende Nachbar

VII    47    uns nicht bestätigt oder beneidet. Sichtbar

VII    48    wollen wirs heben, wo doch das sichtbarste Glück uns

VII    49    erst zu erkennen sich giebt, wenn wir es innen verwandeln. 

 

VII    50    Nirgends, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser 

VII    51    Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer

VII    52    schwindet das Außen. Wo einmal ein dauerndes Haus war,

VII    53    schlägt sich erdachtes Gebild vor, quer, zu Erdenklichem

VII    54    völlig gehörig, als ständ es noch ganz im Gehirne.

VII    55    Weite Speicher der Kraft schafft sich der Zeitgeist, gestaltlos

VII    56    wie der spannende Drang, den er aus allem gewinnt.

VII    57    Tempel kennt er nicht mehr. Diese, des Herzens, Verschwendung

VII    58    sparen wir heimlicher ein. Ja, wo noch eins übersteht,

VII    59    ein einst gebetetes Ding, ein gedientes, geknietes --,

VII    60    hält es sich, so wie es ist, schon ins Unsichtbare hin.

VII    61    Viele gewahrens nicht mehr, doch ohne den Vorteil,

VII    62    daß sie's nun innerlich baun, mit Pfeilern und Statuen, größer! 

 

VII    63    Jede dumpfe Umkehr der Welt hat solche Enterbte, 

VII    64    denen das Frühere nicht und noch nicht das Nächste gehört.

VII    65    Denn auch das Nächste ist weit für die Menschen. Uns soll

VII    66    dies nicht verwirren; es stärke in uns die Bewahrung

VII    67    der noch erkannten Gestalt. -- Dies stand einmal unter Menschen,

VII    68    mitten im Schicksal stands, im vernichtenden, mitten

VII    69    im Nichtwissen-Wohin stand es, wie seiend, und bog

VII    70    Sterne zu sich aus gesicherten Himmeln. Engel,

VII    71    dir noch zeig ich es, da! in deinem Anschaun

VII    72    steh es gerettet zuletzt, nun endlich aufrecht.

VII    73    Säulen, Pylone, der Sphinx, das strebende Stemmen,

VII    74    grau aus vergehender Stadt oder aus fremder, des Doms. 

 

VII    75    War es nicht Wunder? O staune, Engel, denn wir sinds, 

VII    76    wir, o du Großer, erzähls, daß wir solches vermochten, mein Atem

VII    77    reicht für die Rühmung nicht aus. So haben wir dem noch

VII    78    nicht die Räume versäumt, diese gewährenden, diese

VII    79    unseren Räume. (Was müssen sie fürchterlich groß sein,

VII    80    da sie Jahrtausende nicht unseres Fühlns überfülln.)

VII    81    Aber ein Turm war groß, nicht wahr? O Engel, er war es, --

VII    82    groß, auch noch neben dir? Chartres war groß --, und Musik

VII    83    reichte noch weiter hinan und überstieg uns. Doch selbst nur

VII    84    eine Liebende --, oh, allein am nächtlichen Fenster....

VII    85    reichte sie dir nicht ans Knie?

VII    86                                                   Glaub nicht, daß ich werbe. 

VII    87    Engel, und würb ich dich auch! Du kommst nicht. Denn mein

VII    88    Anruf ist immer voll Hinweg; wider so starke

VII    89    Strömung kannst du nicht schreiten. Wie ein gestreckter

VII    90    Arm ist mein Rufen. Und seine zum Greifen

VII    91    oben offene Hand bleibt vor dir

VII    92    offen, wie Abwehr und Warnung,

VII    93    Unfaßlicher, weitauf.