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Die neunte Elegie
IX 1 Warum, wenn es angeht, also die Frist des Daseins
IX 2 hinzubringen, als Lorbeer, ein wenig dunkler als alles
IX 3 andere Grün, mit kleinen Wellen an jedem
IX 4 Blattrand (wie eines Windes Lächeln) --: warum dann
IX 5 Menschliches müssen -- und, Schicksal vermeidend,
IX 6 sich sehnen nach Schicksal?
IX 7 Oh, nicht, weil Glück ist,
IX 8 dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts.
IX 9 Nicht aus Neugier, oder zur Übung des Herzens,
IX 10 das auch im Lorbeer wäre.....
IX 11 Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar
IX 12 alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das
IX 13 seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten. Ein Mal
IX 14 jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nicht mehr. Und wir auch
IX 15 ein Mal. Nie wieder. Aber dieses
IX 16 ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:
IX 17 irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.
IX 18 Und so drängen wir uns und wollen es leisten,
IX 19 wollens enthalten in unsern einfachen Händen,
IX 20 im überfüllteren Blick und im sprachlosen Herzen.
IX 21 Wollen es werden. -- Wem es geben? Am liebsten
IX 22 alles behalten für immer... Ach, in den andern Bezug,
IX 23 wehe, was nimmt man hinüber? Nicht das Anschaun, das hier
IX 24 langsam erlernte, und kein hier Ereignetes. Keins.
IX 25 Also die Schmerzen. Also vor allem das Schwersein,
IX 26 also der Liebe lange Erfahrung, -- also
IX 27 lauter Unsägliches. Aber später,
IX 28 unter den Sternen, was solls: die sind besser unsäglich.
IX 29 Bringt doch der Wanderer auch vom Hange des Bergrands
IX 30 nicht eine Hand voll Erde ins Tal, die Allen unsägliche, sondern
IX 31 ein erworbenes Wort, reines, den gelben und blaun
IX 32 Enzian. Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus,
IX 33 Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster, --
IX 34 höchstens: Säule, Turm.... aber zu sagen, verstehs,
IX 35 oh zu sagen so, wie selber die Dinge niemals
IX 36 innig meinten zu sein. Ist nicht die heimliche List
IX 37 dieser verschwiegenen Erde, wenn sie die Liebenden drängt,
IX 38 daß sich in ihrem Gefühl jedes und jedes entzückt?
IX 39 Schwelle: was ists für zwei
IX 40 Liebende, daß sie die eigne ältere Schwelle der Tür
IX 41 ein wenig verbrauchen, auch sie, nach den vielen vorher
IX 42 und vor den Künftigen ...., leicht.
IX 43 Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat.
IX 44 Sprich und bekenn. Mehr als je
IX 45 fallen die Dinge dahin, die erlebbaren, denn,
IX 46 was sie verdrängend ersetzt, ist ein Tun ohne Bild.
IX 47 Tun unter Krusten, die willig zerspringen, sobald
IX 48 innen das Handeln entwächst und sich anders begrenzt.
IX 49 Zwischen den Hämmern besteht
IX 50 unser Herz, wie die Zunge
IX 51 zwischen den Zähnen, die doch,
IX 52 dennoch, die preisende bleibt.
IX 53 Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm
IX 54 kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall,
IX 55 wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig
IX 56 ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet,
IX 57 als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick.
IX 58 Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
IX 59 bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil.
IX 60 Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser,
IX 61 wie selbst das klagende Leid rein zur Gestalt sich entschließt,
IX 62 dient als ein Ding, oder stirbt in ein Ding --, und jenseits
IX 63 selig der Geige entgeht. -- Und diese, von Hingang
IX 64 lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich,
IX 65 traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu.
IX 66 Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbarn Herzen verwandeln
IX 67 in -- o unendlich -- in uns! Wer wir am Ende auch seien.
IX 68 Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar
IX 69 in uns erstehn? -- Ist es dein Traum nicht,
IX 70 einmal unsichtbar zu sein? -- Erde! Unsichtbar!
IX 71 Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?
IX 72 Erde, du liebe, ich will. Oh glaub, es bedürfte
IX 73 nicht deiner Frühlinge mehr, mich dir zu gewinnen --, einer,
IX 74 ach, ein einziger ist schon dem Blute zu viel.
IX 75 Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.
IX 76 Immer warst du im Recht, und dein heiliger Einfall
IX 77 ist der vertrauliche Tod.
IX 78 Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft
IX 79 werden weniger ....... Überzähliges Dasein
IX 80 entspringt mir im Herzen.