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            Die zweite Elegie   

   

II    1     Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir,

II    2     ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele,

II    3     wissend um euch. Wohin sind die Tage Tobiae,

II    4     da der Strahlendsten einer stand an der einfachen Haustür,

II    5     zur Reise ein wenig verkleidet und schon nicht mehr furchtbar;

II    6    (Jüngling dem Jüngling, wie er neugierig hinaussah).

II    7     Träte der Erzengel jetzt, der gefährliche, hinter den Sternen

II    8     eines Schrittes nur nieder und herwärts: hochaufschlagend

II    9     erschlüg uns das eigene Herz. Wer seid ihr?

   

II    10     Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung,

II    11     Höhenzüge, morgenrötliche Grate

II    12     aller Erschaffung, -- Pollen der blühenden Gottheit,

II    13     Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne,

II    14     Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte

II    15     stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln,

II    16     Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit

II    17     wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz.

   

II    18     Denn wir, wo wir fühlen, verflüchtigen; ach wir

II    19     atmen uns aus und dahin; von Holzglut zu Holzglut

II    20     geben wir schwächern Geruch. Da sagt uns wohl einer:

II    21     ja, du gehst mir ins Blut, dieses Zimmer, der Frühling

II    22     füllt sich mit dir... Was hilfts, er kann uns nicht halten,

II    23     wir schwinden in ihm und um ihn. Und jene, die schön sind,

II    24     o wer hält sie zurück? Unaufhörlich steht Anschein

II    25     auf in ihrem Gesicht und geht fort. Wie Tau von dem Frühgras

II    26     hebt sich das Unsre von uns, wie die Hitze von einem

II    27     heißen Gericht. O Lächeln, wohin? O Aufschaun:

II    28     neue, warme, entgehende Welle des Herzens --;

II    29     weh mir: wir sinds doch. Schmeckt denn der Weltraum,

II    30     in den wir uns lösen, nach uns? Fangen die Engel

II    31     wirklich nur Ihriges auf, ihnen Entströmtes,

II    32     oder ist manchmal, wie aus Versehen, ein wenig

II    33     unseres Wesens dabei? Sind wir in ihre

II    34     Züge soviel nur gemischt wie das Vage in die Gesichter

II    35     schwangerer Frauen? Sie merken es nicht in dem Wirbel

II    36     ihrer Rückkehr zu sich. (Wie sollten sie's merken?)

   

II    37     Liebende könnten, verstünden sie's, in der Nachtluft

II    38     wunderlich reden. Denn es scheint, daß uns alles

II    39     verheimlicht. Siehe, die Bäume sind; die Häuser,

II    40     die wir bewohnen, bestehn noch. Wir nur

II    41     ziehen an allem vorbei wie ein luftiger Austausch.

II    42     Und alles ist einig, uns zu verschweigen, halb als

II    43     Schande vielleicht und halb als unsägliche Hoffnung.

   

II    44     Liebende, euch, ihr in einander Genügten,

II    45     frag ich nach uns. Ihr greift euch. Habt ihr Beweise?

II    46     Seht, mir geschiehts, daß meine Hände einander

II    47     inne werden oder daß mein gebrauchtes

II    48     Gesicht in ihnen sich schont. Das giebt mir ein wenig

II    49    Empfindung. Doch wer wagte darum schon zu sein?

II    50     Ihr aber, die ihr im Entzücken des anderen

II    51     zunehmt, bis er euch überwältigt

II    52     anfleht: nicht mehr --; die ihr unter den Händen

II    53     euch reichlicher werdet wie Traubenjahre;

II    54     die ihr manchmal vergeht, nur weil der andre

II    55     ganz überhand nimmt: euch frag ich nach uns. Ich weiß,

II    56     ihr berührt euch so selig, weil die Liebkosung verhält,

II    57     weil die Stelle nicht schwindet, die ihr, Zärtliche,

II    58     zudeckt; weil ihr darunter das reine

II    59     Dauern verspürt. So versprecht ihr euch Ewigkeit fast

II    60     von der Umarmung. Und doch, wenn ihr der ersten

II    61     Blicke Schrecken besteht und die Sehnsucht am Fenster,

II    62     und den ersten gemeinsamen Gang, ein Mal durch den Garten:

II    63     Liebende, seid ihrs dann noch? Wenn ihr einer dem andern

II    64     euch an den Mund hebt und ansetzt --: Getränk an Getränk:

II    65     o wie entgeht dann der Trinkende seltsam der Handlung.

   

II    66     Erstaunte euch nicht auf attischen Stelen die Vorsicht

II    67     menschlicher Geste? war nicht Liebe und Abschied

II    68     so leicht auf die Schultern gelegt, als wär es aus anderm

II    69     Stoffe gemacht als bei uns? Gedenkt euch der Hände,

II    70     wie sie drucklos beruhen, obwohl in den Torsen die Kraft steht.

II    71     Diese Beherrschten wußten damit: so weit sind wirs,

II    72     dieses ist unser, uns so zu berühren; stärker

II    73     stemmen die Götter uns an. Doch dies ist Sache der Götter.

   

II    74     Fänden auch wir ein reines, verhaltenes, schmales

II    75     Menschliches, einen unseren Streifen Fruchtlands

II    76     zwischen Strom und Gestein. Denn das eigene Herz übersteigt uns

II    77     noch immer wie jene. Und wir können ihm nicht mehr

II    78     nachschaun in Bilder, die es besänftigen, noch in

II    79     göttliche Körper, in denen es größer sich mäßigt.