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Die vierte Elegie
IV
1
O Bäume Lebens, o wann winterlich?
IV
2
Wir sind nicht einig. Sind nicht wie die Zug-
IV
3
vögel verständigt. Überholt und spät,
IV
4
so drängen wir uns plötzlich Winden auf
IV
5
und fallen ein auf teilnahmslosen Teich.
IV
6
Blühn und verdorrn ist uns zugleich bewußt.
IV
7
Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen,
IV 8 solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht.
IV 9 Uns aber, wo wir Eines meinen, ganz,
IV
10 ist
schon des andern Aufwand fühlbar. Feindschaft
IV
11 ist
uns das Nächste. Treten Liebende
IV
12 nicht
immerfort an Ränder, eins im andern,
IV
13 die
sich versprachen Weite, Jagd und Heimat.
IV
14 Da
wird für eines Augenblickes Zeichnung
IV
15 ein
Grund von Gegenteil bereitet, mühsam,
IV
16 daß
wir sie sähen; denn man ist sehr deutlich
IV
17 mit
uns. Wir kennen den Kontur
IV
18 des
Fühlens nicht: nur, was ihn formt von außen.
IV
19 Wer
saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang?
IV
20 Der
schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.
IV
21 Leicht
zu verstehen. Der bekannte Garten,
IV
22 und
schwankte leise: dann erst kam der Tänzer.
IV
23 Nicht
der. Genug! Und wenn er auch so leicht tut,
IV
24 er
ist verkleidet und er wird ein Bürger
IV
25 und
geht durch seine Küche in die Wohnung.
IV
26 Ich
will nicht diese halbgefüllten Masken,
IV 27
lieber die Puppe. Die ist voll. Ich will
IV
28 den
Balg aushalten und den Draht und ihr
IV
29 Gesicht
aus Aussehn. Hier. Ich bin davor.
IV
30 Wenn
auch die Lampen ausgehn, wenn mir auch
IV
31 gesagt
wird: Nichts mehr --, wenn auch von der Bühne
IV
32 das
Leere herkommt mit dem grauen Luftzug,
IV
33 wenn
auch von meinen stillen Vorfahrn keiner
IV
34 mehr
mit mir dasitzt, keine Frau, sogar
IV
35 der
Knabe nicht mehr mit dem braunen Schielaug:
IV 36 Ich bleibe dennoch. Es giebt immer Zuschaun.
IV 37 Hab ich nicht recht? Du, der um mich so bitter
IV
38 das
Leben schmeckte, meines kostend, Vater,
IV
39 den
ersten trüben Aufguß meines Müssens,
IV
40 da
ich heranwuchs, immer wieder kostend
IV
41 und,
mit dem Nachgeschmack so fremder Zukunft
IV
42 beschäftigt,
prüftest mein beschlagnes Aufschaun, -
IV
43 der
du, mein Vater, seit du tot bist, oft
IV
44 in
meiner Hoffnung, innen in mir, Angst hast,
IV
45 und
Gleichmut, wie ihn Tote haben, Reiche
IV
46 von
Gleichmut, aufgiebst für mein bißchen Schicksal,
IV
47 hab
ich nicht recht? Und ihr, hab ich nicht recht,
IV
48 die
ihr mich liebtet für den kleinen Anfang
IV
49 Liebe
zu euch, von dem ich immer abkam,
IV
50 weil
mir der Raum in eurem Angesicht,
IV
51 da
ich ihn liebte, überging in Weltraum,
IV
52 in
dem ihr nicht mehr wart....: wenn mir zumut ist,
IV
53 zu
warten vor der Puppenbühne, nein,
IV
54 so
völlig hinzuschaun, daß, um mein Schauen
IV
55 am
Ende aufzuwiegen, dort als Spieler
IV
56 ein
Engel hinmuß, der die Bälge hochreißt.
IV
57
Engel
und Puppe: dann ist endlich Schauspiel.
IV
58 Dann
kommt zusammen, was wir immerfort
IV
59 entzwein,
indem wir da sind. Dann entsteht
IV
60 aus
unsern Jahreszeiten erst der Umkreis
IV
61 des
ganzen Wandelns. Über uns hinüber
IV
62 spielt
dann der Engel. Sieh, die Sterbenden,
IV
63 sollten
sie nicht vermuten, wie voll Vorwand
IV
64 das
alles ist, was wir hier leisten. Alles
IV
65 ist
nicht es selbst. O Stunden in der Kindheit,
IV
66 da
hinter den Figuren mehr als nur
IV
67 Vergangnes
war und vor uns nicht die Zukunft.
IV
68 Wir
wuchsen freilich und wir drängten manchmal,
IV
69 bald
groß zu werden, denen halb zulieb,
IV
70 die
andres nicht mehr hatten, als das Großsein.
IV
71 Und
waren doch, in unserem Alleingehn,
IV
72 mit
Dauerndem vergnügt und standen da
IV
73 im
Zwischenraume zwischen Welt und Spielzeug,
IV
74 an
einer Stelle, die seit Anbeginn
IV
75 gegründet
war für einen reinen Vorgang.
IV
76 Wer
zeigt ein Kind, so wie es steht? Wer stellt
IV
77 es
ins Gestirn und giebt das Maß des Abstands
IV
78 ihm
in die Hand? Wer macht den Kindertod
IV
79 aus
grauem Brot, das hart wird, -- oder läßt
IV
80 ihn
drin im runden Mund, so wie den Gröps
IV
81 von
einem schönen Apfel? Mörder sind
IV
82 leicht
einzusehen. Aber dies: den Tod,
IV
83 den
ganzen Tod, noch vor dem Leben so
IV
84 sanft
zu enthalten und nicht bös zu sein,
IV 85 ist unbeschreiblich.