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                Die achte Elegie  

 

Rudolf Kassner zugeeignet

VIII    1      Mit allen Augen sieht die Kreatur 

VIII    2      das Offene. Nur unsre Augen sind

VIII    3      wie umgekehrt und ganz um sie gestellt

VIII    4      als Fallen, rings um ihren freien Ausgang.

VIII    5      Was draußen ist, wir wissens aus des Tiers

VIII    6      Antlitz allein; denn schon das frühe Kind

VIII    7      wenden wir um und zwingen's, daß es rückwärts

VIII    8      Gestaltung sehe, nicht das Offne, das

VIII    9      im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.

VIII    10    Ihn sehen wir allein; das freie Tier

VIII    11    hat seinen Untergang stets hinter sich

VIII    12    und vor sich Gott, und wenn es geht, so geht's

VIII    13    in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.

VIII    14    Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag,

VIII    15    den reinen Raum vor uns, in den die Blumen

VIII    16    unendlich aufgehn. Immer ist es Welt

VIII    17    und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine,

VIII     18    Unüberwachte, das man atmet und

VIII     19    unendlich weiß und nicht begehrt. Als Kind

VIII     20    verliert sich eins im Stilln an dies und wird

VIII     21    gerüttelt. Oder jener stirbt und ists.

VIII     22    Denn nah am Tod sieht man den Tod nicht mehr

VIII     23    und starrt hinaus, vielleicht mit großem Tierblick.

VIII     24    Liebende, wäre nicht der andre, der

VIII     25    die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen...

VIII     26    Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan

VIII     27    hinter dem andern... Aber über ihn

VIII     28    kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt.

VIII     29    Der Schöpfung immer zugewendet, sehn

VIII     30    wir nur auf ihr die Spiegelung des Frein,

VIII     31    von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier,

VIII     32    ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch.

VIII     33    Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein

VIII     34    und nichts als das und immer gegenüber. 

 

VIII     35    Wäre Bewußtheit unsrer Art in dem 

VIII     36    sicheren Tier, das uns entgegenzieht

VIII     37    in anderer Richtung --, riß es uns herum

VIII     38    mit seinem Wandel. Doch sein Sein ist ihm

VIII     39    unendlich, ungefaßt und ohne Blick

VIII     40    auf seinen Zustand, rein, so wie sein Ausblick.

VIII     41    Und wo wir Zukunft sehn, dort sieht es Alles

VIII     42    und sich in Allem und geheilt für immer. 

 

VIII     43    Und doch ist in dem wachsam warmen Tier 

VIII     44    Gewicht und Sorge einer großen Schwermut.

VIII     45    Denn ihm auch haftet immer an, was uns

VIII     46    oft überwältigt, -- die Erinnerung,

VIII     47    als sei schon einmal das, wonach man drängt,

VIII     48    näher gewesen, treuer und sein Anschluß

VIII     49    unendlich zärtlich. Hier ist alles Abstand,

VIII     50    und dort wars Atem. Nach der ersten Heimat

VIII     51    ist ihm die zweite zwitterig und windig.

VIII     52    O Seligkeit der kleinen Kreatur,

VIII     53    die immer bleibt im Schooße, der sie austrug;

VIII     54    o Glück der Mücke, die noch innen hüpft,

VIII     55    selbst wenn sie Hochzeit hat: denn Schooß ist Alles.

VIII     56    Und sieh die halbe Sicherheit des Vogels,

VIII     57    der beinah beides weiß aus seinem Ursprung,

VIII     58    als wär er eine Seele der Etrusker,

VIII     59    aus einem Toten, den ein Raum empfing,

VIII     60    doch mit der ruhenden Figur als Deckel.

VIII     61    Und wie bestürzt ist eins, das fliegen muß

VIII     62    und stammt aus einem Schooß. Wie vor sich selbst

VIII     63    erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung

VIII     64    durch eine Tasse geht. So reißt die Spur 

VIII     65    der Fledermaus durchs Porzellan des Abends. 

 

VIII     66    Und wir: Zuschauer, immer, überall, 

VIII     67    dem allen zugewandt und nie hinaus!

VIII     68    Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.

VIII     69    Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.  

VIII     70    Wer hat uns also umgedreht, daß wir,

VIII     71    was wir auch tun, in jener Haltung sind

VIII     72    von einem, welcher fortgeht? Wie er auf

VIII     73    dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal

VIII     74    noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt --,

VIII     75    so leben wir und nehmen immer Abschied.