Click here to go to the 2007 English Version of the Eighth Elegy
Click here to return to main page
Die achte Elegie

Rudolf Kassner zugeeignet
VIII 1 Mit allen Augen sieht die Kreatur
VIII
2 das
Offene. Nur unsre Augen sind
VIII
3 wie
umgekehrt und ganz um sie gestellt
VIII
4 als
Fallen, rings um ihren freien Ausgang.
VIII
5 Was draußen
ist, wir wissens aus des Tiers
VIII
6 Antlitz
allein; denn schon das frühe Kind
VIII
7 wenden
wir um und zwingen's, daß es rückwärts
VIII
8 Gestaltung
sehe, nicht das Offne, das
VIII
9 im
Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.
VIII
10 Ihn
sehen wir allein; das freie Tier
VIII
11 hat seinen
Untergang stets hinter sich
VIII
12 und vor sich
Gott, und wenn es geht, so geht's
VIII
13 in Ewigkeit,
so wie die Brunnen gehen.
VIII
14
Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag,
VIII
15 den reinen
Raum vor uns, in den die Blumen
VIII
16 unendlich
aufgehn. Immer ist es Welt
VIII
17 und niemals
Nirgends ohne Nicht: das Reine,
VIII
18 Unüberwachte,
das man atmet und
VIII
19 unendlich weiß
und nicht begehrt. Als Kind
VIII
20 verliert sich
eins im Stilln an dies und wird
VIII
21 gerüttelt.
Oder jener stirbt und ists.
VIII
22 Denn nah am
Tod sieht man den Tod nicht mehr
VIII
23 und starrt hinaus,
vielleicht mit großem Tierblick.
VIII
24 Liebende, wäre
nicht der andre, der
VIII
25 die Sicht
verstellt, sind nah daran und staunen...
VIII
26 Wie aus
Versehn ist ihnen aufgetan
VIII
27 hinter dem
andern... Aber über ihn
VIII
28 kommt keiner
fort, und wieder wird ihm Welt.
VIII
29 Der Schöpfung
immer zugewendet, sehn
VIII
30 wir nur auf
ihr die Spiegelung des Frein,
VIII
31 von uns
verdunkelt. Oder daß ein Tier,
VIII
32 ein stummes,
aufschaut, ruhig durch uns durch.
VIII
33 Dieses heißt
Schicksal: gegenüber sein
VIII 34 und nichts als das und immer gegenüber.
VIII 35 Wäre Bewußtheit unsrer Art in dem
VIII
36 sicheren Tier,
das uns entgegenzieht
VIII
37 in anderer
Richtung --, riß es uns herum
VIII
38 mit seinem
Wandel. Doch sein Sein ist ihm
VIII
39 unendlich,
ungefaßt und ohne Blick
VIII
40 auf
seinen Zustand, rein, so wie sein Ausblick.
VIII
41 Und wo wir
Zukunft sehn, dort sieht es Alles
VIII 42 und sich in Allem und geheilt für immer.
VIII 43 Und doch ist in dem wachsam warmen Tier
VIII
44 Gewicht und
Sorge einer großen Schwermut.
VIII
45 Denn ihm auch
haftet immer an, was uns
VIII
46 oft überwältigt,
-- die Erinnerung,
VIII
47 als sei schon
einmal das, wonach man drängt,
VIII
48 näher gewesen,
treuer und sein Anschluß
VIII
49 unendlich zärtlich.
Hier ist alles Abstand,
VIII
50 und dort wars
Atem. Nach der ersten Heimat
VIII
51 ist ihm die
zweite zwitterig und windig.
VIII
52 O Seligkeit
der kleinen Kreatur,
VIII
53 die immer bleibt
im Schooße, der sie austrug;
VIII
54 o Glück der Mücke,
die noch innen hüpft,
VIII
55 selbst wenn
sie Hochzeit hat: denn Schooß ist Alles.
VIII
56 Und sieh die
halbe Sicherheit des Vogels,
VIII
57 der beinah
beides weiß aus seinem Ursprung,
VIII
58 als wär er
eine Seele der Etrusker,
VIII
59 aus einem
Toten, den ein Raum empfing,
VIII
60 doch mit der
ruhenden Figur als Deckel.
VIII
61 Und wie bestürzt
ist eins, das fliegen muß
VIII
62 und stammt aus
einem Schooß. Wie vor sich selbst
VIII
63 erschreckt,
durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung
VIII 64 durch eine Tasse geht. So reißt die Spur
VIII 65 der Fledermaus durchs Porzellan des Abends.
VIII 66 Und wir: Zuschauer, immer, überall,
VIII
67 dem allen
zugewandt und nie hinaus!
VIII
68 Uns überfüllts.
Wir ordnens. Es zerfällt.
VIII
69 Wir ordnens
wieder und zerfallen selbst.
VIII
70 Wer hat uns
also umgedreht, daß wir,
VIII
71 was wir auch
tun, in jener Haltung sind
VIII
72 von einem,
welcher fortgeht? Wie er auf
VIII
73 dem letzten Hügel,
der ihm ganz sein Tal
VIII
74 noch einmal
zeigt, sich wendet, anhält, weilt --,
VIII 75 so leben wir und nehmen immer Abschied.