Theorie und Praxis und Gesellschaft und Wissenschaft

 

Robert de Beaugrande

 

Weit wichtiger als die Frage, ob eine Theorie richtig oder falsch, gültig oder ungültig sei, sind die Fragen, ob eine Theorie der Praxis entspricht und ob diese Praxis human oder inhuman ist.

 

In der Gesellschaft sind die Beziehungen zwischen Theorie und Praxis schon deshalb schwer zu erfassen, weil die große Mehrheit der Mitglieder einer Gesellschaft ihr tägliches Leben als eine Ansammlung von Praktiken ansieht, deren mögliche theoretische Grundlagen gar nicht reflektiert zu werden brauchen. Die Praktiken erscheinen selbstverständlich und vollkommen natürlich, selbst dann, wenn viele Menschen mit den Resultaten innerlich unzufrieden sind. Auch solche Praktiken, die leicht inhumane Folgen zeitigen, wie zum Beispiel ein ökonomisches System, das ökonomische Stabilität durch steigende Arbeitslosigkeit bewahrt und finanziert, werden als natürlich hingenommen; die Opfer dieser Praktiken werden ständig ermahnt, die Verantwortung ausschließlich bei sich selber zu suchen und nicht beim System. Das System, so hören wir immer wieder, ist frei und gerecht, im Prinzip; dagegen sind die Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit, Hungersnot usw. unbedeutende und selbtsverschuldete Einzelpannen.

Der Preis dafür die herrschenden Praktiken hinzunehmen ohne die dahinterstehenden Theorien zu reflektieren, wird immer höher. Dieser Preis besteht vor allem darin, daß unsere modernen Gesellschaften immer geschickter werden, humane Theorien mit inhumanen Praktiken zu verbinden. Die offiziellen Theorien sowie „Demokratie“ und „freie Marktwirtschaft“ sind inklusiv, umfassen offiziell alle Mitglieder der Gesellschaft und bieten ihnen die gleichen Chancen. Die inoffiziellen Praktiken so wie Bevormundung und Armut sind exklusiv und schließen immer größere Anteile der Bevölkerung von dem angeblichen Wohlstand und Wachstum aus. Die klaffenden Widersprüche zwischen Theorie und Praxis können effizient verborgen oder mystifiziert werden, solange ein Großteil der Gesellschaft keine Gründe oder keine Fähigkeit sieht, über die Beziehungen von Theorie und Praxis zu reflektieren. Stattdessen werden „Demokratie“ und „freie Marktwirtschaft“ wie Zaubersprüche oder Mantras dem Volke heruntergebetet von denen, die am allermeisten von „Wohlstand“ und „Wachstum“ profitieren.

In der Wissenschaft ist die Lage geradezu umgekehrt. Dort wird mit großen Anstrengungen und Reflektiertheit theoretisiert, meistens ohne daß die Wissenschaft für praktische Konsequenzen für die breite Bevölkerung zur Rechenschaft gezogen werden kann. Die einzigen Praktiken, mit denen sich die sogenannte „Normalwissenschaft“ beschäftigt, sind die spezialisierten Praktiken der Wissenschaftler selbst, die möglichst gegen die alltäglichen Praktiken des Lebens abzugrenzen sind. Dadurch verteidigt die Wissenschaft ihre hohe Exklusivität gegenüber Außenseitern, deren Meinungen schon deswegen nicht eingeholt zu werden brauchen, weil diese „unqualifiziert“ wären.

 Auch in der Wissenschaft bemerken wir leicht eine Diskrepanz zwischen inklusiver Theorie und  exklusiver Praxis. Betont inklusiv ist der Anspruch der Wissenschaft, eine Erklärung für das gesamte Universum zu erbringen, sowie für die Entstehung von Sternen und Planeten, aber auch von Lebewesen wie Pflanzen und Tieren, aber auch von der Organisation der Gesellschaft und den Grundlagen des menschlichen Geistes. Exklusiv hingegen sind sowohl die Beteiligung an der Ausarbeitung wissenschaftlicher Erklärungen als auch die Fachsprachen der Wissenschaften selbst, die oft den Eindruck entstehen lassen, wissenschaftliche Zusammenhänge ließen such in einer allgemein zugänglichen Sprache für die breite Bevölkerung gar nicht erklären. Versuche, sie dennoch so zu erklären, sind bestenfalls müßig und schlimmstenfalls gefährdend für die „Wissenschaftlichkeit“ der Inhalte. Bis vor kurzem wurde ein Wissenschaftler, der populäre Bücher über seine Arbeit schrieb, in den Augen seiner Kollegen stark kompromittiert.

Ich bin allmählich zu der Überzeugung gelangt, daß die jeweiligen Diskrepanzen zwischen Theorien der Inklusion und Praktiken der Exklusion in der Gesellschaft einerseits und in der Wissenschaft andererseits miteinander eng verbunden sind. In der Gesellschaft hört man immerzu: Die menschliche Rede und der Glaube sind frei. In der Wissenschaft hört man immerzu: Forschung und Lehre sind frei. Auf beiden Seiten wird aber ziemlich genau vorgeschrieben, für wen und in welchen Situationen diese Freiheit reserviert ist. In der Theorie der Gesellschaft werden die Redefreiheit und die Glaubensfreiheit vom Staat gesichert, in der Praxis werden sie täglich untergraben und verleugnet von Privatpersonen, deren Übergriffe auf die Freiheit der anderen nicht minder wirkungsvoll sind, nur weil sie vom Staate offiziell mißbilligt werden. Theoretisch wären diese massiven Unstimmigkeiten nur durch einen allgegenwärtigen Staat zu beseitigen; aber daß die Gesellschaft dadurch demokratischer werden sollte, glaubt in der Praxis wohl niemand.

Gleichermaßen wird in der Wissenschaft die Freiheit von Forschung und Lehre mit einer besonderen und abgesonderten Rationalität begründet: die nüchterne Objektivität. In der Praxis hat jeder angehende Wissenschaftler auf die schon vorgegebenen Erklärungsapparate zu achten; sonst ist ein berufliches Fortkommen, soweit es von den Entscheidungen der Mitmenschen bei Berufungen, Beförderungen, Publikationen usw. abhängt, nur in Ausnahmsfällen möglich.

Ich selber zähle mich zu den Ausnahmen, und mein eigenes Fortkommen verdanke ich dem Spielraum der Interdisziplinarität. Ich promovierte in Vergleichender Literaturwissenschaft an einer kalifornischen Universität, wo es die getrennten Philologien gar nicht gab. So hat sich keine Einzeldisziplin dafür verantwortlich gefühlt, mich auf ihre vorgeformten Paradigmata einzuschulen. Auch mein selbstgewähltes Dissertationsthema - Theorie und Praxis des poetischen Übersetzens - wäre in einer einzelnen Philologie kaum akzeptabel und noch viel weniger in der offiziellen Linguistik der siebziger Jahre. Was linguistisch nicht orthodox war, konnte durch die Literaturtheorie abgedeckt werden und umgekehrt. Zu den Folgen zählte, daß im Augenblick, wo ich die Dissertation in der Hand hatte und damit den Doktortitel, es genau zwei offene Posten in ganz Amerika gab, wo eine dementsprechende Ausbildung in der Stellenausschreibung angegeben wurde. Einen davon konnte ich ergattern (konkret, als Hauslinguist in einem großen German-Department), da ich den älteren Kollegen immer noch „literarisch“ genug war.

Meine spätere Laufbahn hat stets darin bestanden, die Beziehungen zwischen Theorie und Praxis immer neu aufzurollen und mich an der Ausarbeitung praxisfördernder Theorien zu beteiligen. Aus zahlreichen Quellen kann ich bezeugen, daß gerade die Humanwissenschaften an einer hypertrophen Theoriebildung leiden, die offensichtlich die „unwissenschaftlich“ erscheinende Lebenspraxis der breiteren Bevölkerung fernhalten soll. Die Wissenschaft der Linguistik, in der ich nun hauptsächlich aktiv bin, ist seit langem mit schlechtem Beispiel vorangegangen, indem die Bestrebungen, die „Sprache an sich“ als geisteswissenschaftlichen Gegenstand zu konstituieren, den Mittelpunkt des Interesses immer weiter von der kommunikativen Praxis der Sprache in der Gesellschaft fortgerückt hat. In einer solchen Wissenschaft kann man sich eine große Anhängerschaft zulegen, indem man die Welt wissen läßt: „Hauptgegenstand der Linguistiktheorie ist der ideale Sprecher/Hörer in einer vollständig homogenen Gemeinschaft, der die Sprache vollkommen beherrscht“ (Noam Chomsky). Eine solche „Theorie“ kann von Anfang an mit der kommunikativen Praxis nichts zu tun haben und ersetzt letztendlich die wirklichen Sprachen wie Englisch oder Deutsch durch eine hochtheoretische Idealisierung, die ausgerechnet deshalb als „wissenschaftlich“ angepriesen wird, weil sie in der Wirklichkeit gar nicht vorzukommen braucht. Ebenfalls in einer solchen Wissenschaft können „Theorien“ mit Beweismaterial aus der Praxis überhaupt nicht widerlegt werden, weil solche Beweise notwendigerweise von wirklichen Sprechern in heterogenen Sprachgemeinschaften stammen, die die Sprache in verschiedenem Maße beherrschen.

 

Zur „wissenschaftlichen Erkenntnis“

 

So wären meines Erachtens die Reflektionen im vorigen „ad hoc“-Heft zur wissenschaftlichen Erkenntnis mit der Frage zu ergänzen, wie solche Erkenntnisse zwischen Theorie und Praxis in der Wissenschaft aber auch in der Gesellschaft geortet werden sollten. Ich bin mit vielen Praktikern in Berührung gekommen, die für praxisrelevante Theorien durchaus aufgeschlossen waren, und ich glaube, diese Aufgeschlossenheit wächst auch unter den Theoretikern einer neuen Generation. Vielleicht der wichtigste Schritt gegenwärtig läge darin, eine durchgehende Reflektion auf Theorie und Praxis bereits in der Ausbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs zu thematisieren, insbesonders in solchen Fächern, wie etwa der Anglistik, wo die Ambitionen nach theoretischer Arbeit nun durch gesellschaftliche Umstrukturierung und Sparprogramme unerfüllbar gemacht werden und die AbsolventInnen vor der Herausforderung stehen, in eine inklusive Praxis hineinzuwachsen.