Der gesungene Tag

 

von

 

Robert-Alain de Beaugrande

 

 

 

 

Festschrift zur Sonnenwende

1970


 

 

Cantos

 

 I.       Unbewußtes

II.       Erwachen

III.      Fenster

IV.     Sonnenaufgang

V.       Straße

VI.     Mittagsstille

VII.    Wohnen

VIII.   Schloßpark

IX.     Dämmerstunde

X.       Disco

XI.     Nächtliches

XII.    Schlaf

 


 

Tübingen

 

Unverhoffte Wirrnisse auf wunden Wanderungen

Leiten Lebefäde um auf vage Wege:

Im Vermutungskrieg entgleisten Selbstgerechtigkeiten

Die im Schnellverfahren fremde mögliche Geschicke stürzten.

Da feilschte ich umsonst um neue Eigenheime

Unerkannt verstrickt in Blondverschuldung;

Hinter Haarenschnellen leuchten feuchte Augen

Als Spiegelbild des jäh verjährten Flehens.

 

Alte ernste Glaubensworte gleiten ab auf Stufenstillen

Und verdichten ihre Verstummem zum entschärften Abschied.

 

Ich aber spreize meine leeren Hände um die weiße Kälte...

Am Himmel haftend geigen blonde Flocken

Im eisvergossnen Nachspiel herber winterlicher Wendungen.


 

 

I. Unbewußtes

 

Wäßrige Unendlichkeit!

Unmerklich sinnwärts eingeflutet

Tiefblau tönende Bewußtseinsschnellen

Zisilieren  Rillensorgen ins Gehirn

Löschen bergeschweren Eindruck von

Wäßrige Unendlichkeit!

 

Wellen ebben vorvergessen

Schnellengrau und -purpurfunkeln

Schwalbenschatten schräg verdunkeln

Wasserratten rasch zernagen

Erträumter Schiffer Abschiedssagen.

 

Grenzenfreie Flüssigkeit!

Herzwärts wehen Wasseruhren

Drauf ein gleißend lichter Mondfleck

Schläfert die versandende Erinnerung an

Grenzenfreie Flüssigkeit.

 

Wellenebbe  solle verwässern

Schnelles Grau  und Purpur funkeln

Schwalben flattern jäh im Dunkeln

Wasser rattern Muschel klagen

Den Träum der Schiffer Märchensagen.


 

 

 

II. Erwachen

 

 

Feuchte Morgensterne beben auf zersprengten Augenlidern:

Frühen lauschen fröstelnd lauer Winde Wiederkehr

Und stöhnen durch den taubetäubten Laken hoher Halme —

 

In Zweigenrahmen zittern unbeschlossene Beschwerden ferner Vögel

Die gestern hoch am Horizonte reglos hingen.

 

Erwartungen der schrägen Strahlensonnen

Pochen leise an die Selbstverständlichkeit der Stirn

Verwehen feine ausgebrannte Vorsätze

Und unverwirklichbares ratlos Gestriges

Das niemals ganz erinnert...


 

 

 

 

 

III. Fenster

 

 

Frühverschwommne weite Vierecksichten:

Auf Hochhausstufen glatter Stadtprofile

Mit flauen Mauern aufgespickt an toten Türmen

Lasten reihenweise eckige Machinenwolken

Und verschachteln herbe Himmelsrichtungen.

 

Die lockre Luft zerreißt an Fersehkreuzen

Die stechen mit verheimten Spitzen in den Friedhof der Mentalität.


 

 

 

 

IV. Sonnenaufgang

 

 

 

Dämmernde Rosen regen in den Garten

Und verzieren grünendes Wegegeäder


 

 

 

 

 

V. Straße

 

 

Flache leere Formen festverstreuter Leute

Zermürben minimale Alltagswörter

Und glätten mit verknüpften Schritten lange Gänge

Die knotenweise zackige Zusämmenhänge zeichnen.

 

Hinter breiten Scheiben schillern Kuststoffwelten

Die ausgehöhlte Mußestunden dünner dehnen —

Räudig angehäufte Werbepressen

Zerdrucken stur allmählich das Gehirn.


 

 

 

 

 

VI. Mittagsstille

 

 

Halbe hingeflüsterte Gespräche

Ersticken dicht im Netz gespannter Fadenstrassen —

Angeschwellte Wände eckiger Gesichter

Erstarren in der ewigen Sekunde:

Durch trübe Siebe schneien ungestalte Schattenflocken

Und haften an versteinerten Konturen.


 

 

 

VII. Wohnen

 

 

 

Familien wachsen fester in vergilbe Wände

Und zwängen mit vertrauten Lauten die Minuten durch die Zimmer.

 

Rillensätze rollen länglich zwischen Menschen

Und prallen gegen matte Meinungspolster.

 

Schlarchtropfen sprießen an den Teppichsträhnen

Wo rote Aderfäden stockend durch die Räume rinnen.


 

 

 

VIII. Schloßpark

 

 

Silbernebel füllt erblaßte Schalenblumen

Die meine trägen Augen widerspiegeln:

Ich blick weit wo weiße Birkenzeilen

Auf langverlangte Unbekannte sich beziehen...

 

Darunter auf dem Zweigeschattenmuster

Tauchst Du flammend in die Sonnenflecke.

 

 


 

 

 

IX. Dämmerstunde

 

 

 

Ich  trage für Dich Dämmerungen aus

In denen harsche Lebenskanten schwinden.

Aus azurnen Fluren ferneblauer Berge

Und aus blondem Heilgenschein erkühlter Sonnen

Web ich für Dich sanfte Sätze einer hehren Harmonie..

Unerforschtes Vorspiel einer nahen Nacht.

Ich breite vor Dir einen spektrumsfarbnen Teppich aus

So sei Dein Eingang in den Abend traumgetragen.


 

 

 

X. Disco

 

 

 

Jugend deckt mit Anonymitäten eigne Züge

In grotesken maschinellen Massenmoden –

Zu ungeheuren Tönen fügt sich Urbewegung

Auf Schaukelwellen violett und mandarinenfarben.

Dunkle Giften gießen in den wachen Schlaf türkise Träume

In denen frische wirklichere Welten quirlen.


 

 

 

 

XI. Nächtliches

 

 

 

Leuchtfragemente schräger Quermondsätze

Von der weichen Gegenseitigkeit der nahen Nächte

Die mich mit Deinen Haaren fester fesseln

Irren unter unbestimmten Bäumen.

Im Buch behalte ich die fernen Blätter

Die sich an lichtgespregten Zweigen regen

In grüner oder goldener Beziehung...

 

Leuchtfragemente schräger Quermondsätze

Von der leisen Gegenseitigkeit der nahen Nächte

Streuen Jugendgold weithin aus blonden Händen.


 

 

 

 

 

 

XII. Schlaf

 

 

 

 

Gebilden aus entfernten rostversickernden Bereichen

Sperren sachliche Zusämmenhänge

Indem sie untergründig sich fragile Fäden reichen

Und seltne Namen für gewohnte Dinge fahnden.

Schwirrende Gesichter aufgebrochener Tage

Untermengt mit ungeraden geometrischen Figuren

Bilden bunte wirre wechselnde  Tapeten

Aufgebauscht um riesig aufgerißnen Innenaugen.

Quer darüber schwärmen schware Streifensätze

Die mit vermengten Worten wüste Wünsche raunen.

Gestalten aus verstummten unentschlüsselten Bereichen

Versinken schlaff im Wendekreisgedächtnis.